Norwegischer Festlandssockel

Norwegischer Festlandssockel – Darf’s ein bisschen Meer sein?

Es klingt ein wenig drollig – so wie die Geschichte vom Immobilienmakler, der bei Ebbe Bauland verkauft: Norwegen ist größer geworden, und zwar etwa um die Fläche Großbritanniens. Das nun liegt keineswegs an tektonischen Ereignissen, die im Meer versunkenes Land wieder ans Tageslicht gehoben haben, sondern an Gesetzen, Paragrafen und Messgrößen, der UNO sowie an raffinierten Verhandlungen der norwegischen Regierung. Dabei ging es um die Frage: Wo ist Norwegen denn nun zu Ende? »Klar«, wird mancher sagen, »da, wo das Wasser anfängt.« Das aber ist genauso richtig wie die Aussage, die Erde sei eine Scheibe.

Schließlich gibt es da noch vor jeder Küste die 12-Meilen-Zone, die zum Hoheitsgebiet des jeweiligen Küstenstaates gehört. Ebenso die 200-Meilen-Zone – die »exclusive Wirtschaftszone«, in der, beispielsweise, allein der Küstenstaat fischen oder Bodenschätze abbauen darf. An deren Rand war auch Norwegen bisher zu Ende – jedenfalls bis zum 15. April 2009. An diesem Tag wuchs das Land mit den vielen Fjorden schlagartig um etwa 235 000 Quadratkilometer. Wer verstehen will, warum, muss wissen, was ein Schelf ist. Wer’s nicht weiß, schaut bei Wikipedia nach: »Der Schelf (auch … Festlandsockel) ist die Bezeichnung für den flachen, küstennahen Meeresboden, der bis zu 200 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. … Der Schelfbereich ist Bestandteil der Festlandsmasse. …«

Die Norweger kennen Wikipedia wohl auch – und haben flugs mal nachgemessen, wie weit denn ihr Schelf in Richtung Nordpol oder Amerika reicht. Und siehe da: Verdammt weit! An mancher Stelle sogar deutlich über die 200-Meilen-Zone hinaus. Nun, dachten sich die Norweger, wenn dieser Schelf Bestandteil der Festlandmasse ist, gehört er zu Norwegen, egal, wie weit er von der Küste entfernt ist. Ähnlich denken übrigens auch die Russen – sie behaupten sogar, ihnen gehöre der Nordpol selbst, weil ihr Schelf bis dorthin reiche …

Wie für alle weltbewegenden Fragen gibt es auch für das Schelf ein Gremium: Die  UNO-Festlandssockelkommission – nein, kein Witz, die gibt es tatsächlich. Und dieser Kommission lag seit 2006 ein Antrag Norwegens vor – dem jetzt weitgehend stattgegeben wurde. Das bedeutet gleich dreifaches Glück für Norwegen – denn auch Jan Mayen, eine kleine Insel auf halbem Weg nach Grönland sowie Spitzbergen sind norwegisches Hoheitsgebiet, verfügen damit über eine jeweils eigene 200-Meilen Zone – und einen Festlandssockel. Damit waren auch schon vor dem 15. April 2009 große Teile des europäischen Nordmeeres fest in norwegischer Hand – allerdings mit einer Lücke: Der »Banana-Hole« zwischen Jan Mayen und dem norwegischen Festland. Dieses Gebiet gehört jetzt genauso zu Norwegen wie Teile des »Western-Nansen-Basin« nördlich von Spitzbergen – um die Aufteilung der so genannten »Loop-Hole« in der Barentssee wird noch mit Russland verhandelt.

Es klingt ein wenig drollig, wenn sich gleich mehrere Staaten um abgelegene Wasser- oder Eisflächen inmitten der arktischen Weite des Nordpolarmeeres streiten – und diese jeweils als eigenes Wirtschaftsgebiet verteidigen. Es ist aber keineswegs drollig, denn dahinter stecken Interessen von höchster Brisanz: Bodenschätze wie Öl und Erdgas. Und diese werden genau dort vermutet, wo bisher internationales Recht (für alle …) galt. Einen Teil dieser begehrten Ressourcen dürfen die Norweger nun allein ausbeuten und vermarkten.

Das nun wieder klingt erst einmal verlockend. Gigantische Energievorräte, durch den stetigen Rückgang des Eises plötzlich erschließbar! Es wundert nicht, dass die UNO-Festlandssockelkommission gerade viel Arbeit hat. Öl und Gas für alle, gefördert in einer Region, die nicht von Krisen gebeutelt wird wie die arabische Welt. Eine passable Lösung für das globale Energieproblem – wenn auch nur auf Zeit.

Doch jede Medaille hat eine Kehrseite. So kann die Energiegewinnung in dieser klimatisch extremen Situation für die Arktis selbst zur Krise werden. Bohrinseln, Tanker, Pipelines – nur ein kleiner Unfall kann die ganze Region in ein ökologisches Desaster stürzen. Wer wird dann aufbrechen nach Spitzbergen oder Franz Josef Land und sich um das ölverkrustete Fell der letzten Eisbären kümmern – oder das Gefieder von Lummen, Küstenseeschwalben oder Gryllteisten? Um verklebte Wale, Robben oder Walrosse? Das Ökosystem Arktis ist extrem empfindlich, und es erholt sich aufgrund der klimatischen Bedingungen nur äußerst langsam von Belastungen.

Früher galt als dumm, wer bei Ebbe Bauland kaufte – heute beweist er damit, dass er schlau ist. Bleibt zu hoffen, dass Norwegen – und alle anderen Arktis-Staaten, die dasselbe wollen – der hohen Verantwortung gerecht werden, die ein Rohstoffabbau in dieser einzigartigen Region zur Pflicht macht. Noch besser wäre, sie würden, aus diesem Verantwortungsgefühl heraus, gleich darauf verzichten.

Kai Schubert