Eisbärenkonferenz Tromsö

Die Heimat der großen Jäger schmilzt

Internationale Eisbärenkonferenz Tromsö sieht den Klimawandel als größte Bedrohung für die Eisbären

Polarbär auf einer Eisscholle · © Olle Carlsson Polarbär auf einer Eisscholle · © Olle Carlsson

»Polar Bear!« flüstert jemand, der die Nacht auf der Brücke und nicht im Bett verbracht hat, dem Kapitän ins Ohr. Bald darauf wird es an Deck lebendig. Ferngläser streifen erwartungsvoll über die gefrorene See, Kameraverschlüsse klicken im Sekundentakt. Das Schiff stoppt seine Fahrt, lässt sich mit dem Eis treiben. Offensichtlich wird auch der Bär neugierig. Langsam trottet er – freiwillig – heran, um sich die Besucher aus dem Süden näher anzuschauen. Gelblich schimmert sein Fell in der tief stehenden Mitternachtssonne.


Wohl für fast jeden, der mit POLAR-KREUZFAHRTEN zu einer Schiffsreise in den hohen Norden aufbricht, ist die Begegnung mit dem König der Arktis der ganz große Höhepunkt. Und die Chance, während einer dieser komfortablen Reisen mit Expeditionscharakter auf Eisbären zu treffen, ist groß – vor allem, wenn die Fahrt in den Norden Spitzbergens oder sogar bis an die Packeisgrenze führt. Vom sicheren Deck aus lassen sich, gefahrlos für beide Seiten, die größten Landraubtiere der Welt mitunter ganz aus der Nähe beobachten – mit etwas Glück sogar bei der Robbenjagd. Ein Naturerlebnis, das seines Gleichen sucht. Und eines, das interessierte Naturliebhaber nicht mehr allzu lange aufschieben sollten, denn die Arktis verändert sich im Zeitraffer. Für die weißen Bären haben diese Veränderungen dramatische Folgen.


Wissenschaftler und Politiker treffen sich zur Bestandsaufnahme

»Die gegenwärtige Hauptbedrohung für die Eisbärenpopulation sind die Veränderungen der Arktisregion durch den Klimawandel«, lautet das Fazit einer internationalen Konferenz zum Schutz der Eisbären, die Mitte März im norwegischen Tromsö stattgefunden hat. Drei Tage lang haben sich internationale Wissenschaftler und Regierungsvertreter der »Eisbärenstaaten« Kanada, USA, Russland, Dänemark (für Grönland ) und Norwegen (für Svalbard/Spitzbergen) an den runden Tisch gesetzt und ernüchternde Fakten diskutiert. Ihre Ergebnisse alarmieren: Die globale Erwärmung bewirkt, vor allem im Sommer, einen stetigen Rückgang der Eisfläche im Nordpolarmeer. Diese aber ist das Jagdrevier der Bären – nur auf dem Eis haben sie eine reelle Chance, genügend Robben zu fangen. Gewichtsmessungen haben ergeben, dass die »großen Räuber« heute deutlich leichter sind als noch vor zehn bis zwanzig Jahren. Das ist insbesondere fatal für weibliche Bären – ihre Fruchtbarkeit sinkt mit schwindendem Speckmantel und Körpergewicht. Doch das ist nicht alles.


Durch Meeresströmungen und eine expandierende Industrialisierung der Arktis gelangen zunehmend Umweltgifte in die kurze Nahrungskette der Bären. Schwermetalle oder toxische Kohlenwasserstoffverbindungen belasten ihren Organismus, haben teilweise eine hormonähnliche Wirkung, welche die Fruchtbarkeit potenzieller Bärenmütter zusätzlich reduziert. Auswirkungen auf die Population haben auch zunehmende Störungen durch den Menschen, vor allem in besonders sensiblen Regionen, etwa in den »denning areas«, dort, wo die Weibchen in Schneehöhlen im Winter ihre Jungen zur Welt bringen. Das Ökosystem Arktis ist extrem empfindlich, und bereits geringfügige Veränderungen haben mitunter dramatische Folgen. Inzwischen steht der Eisbär auf der »Roten Liste« der Weltnaturschutzunion (International Union for the Conservation of Nature, IUCN) – sie betrachtet seinen Bestand als »vulnerable«, als gefährdet. Innerhalb weniger Jahrzehnte, so prognostiziert die IUCN, wird der heutige Bestand von etwa 25 000 Bären in der gesamten Arktis um ein Drittel schrumpfen. Der WWF (World Wide Fund For Nature) befürchtet sogar, dass der Eisbär zwischen 2050 und 2100 aussterben könnte.

Besonders bedroht erscheinen die weiter im Süden lebenden Bärenpopulationen, vor allem in Kanada. Bereits heute kommt hier das Eis wesentlich später im Jahr, zieht sich nach dem Winter deutlich früher zurück – die Zeit, die den Bären bleibt, sich auf dem Eis satt zu fressen, ist inzwischen dramatisch kurz. Jon Aars, Eisbärenforscher am norwegischen Polarinstitut, hält die Bedrohung für die Bären in den nördlichen Verbreitungsgebieten, etwa in Spitzbergen oder Franz Josef Land, für derzeit weniger gravierend als im Süden (Der Spiegel, Nr. 12, 16.03.2008). Derzeit. Wie lange das noch gelten wird, bleibt offen.


Schutz für die Eisbären – seit 36 Jahren

Das alles war im November 1973 kein Thema – bei der ersten Konferenz der »Eisbärenstaaten« in Oslo. Doch auch damals ging es um das Überleben der weißen Raubtiere. Eine intensive Bejagung in den 50er und 60er Jahren hatte ihren Bestand auf weniger als zehntausend Exemplare reduziert. Ergebnis von Oslo war ein Schutzabkommen, dass die Eisbärenjagd – mit einer streng begrenzten Ausnahme für die Ureinwohner der Arktis – verbot. Außerdem war die Konferenz Ausgangspunkt für international koordinierte Forschungsprojekte, ebenso für die Ausweisung von Schutzgebieten. Fünf Jahre sollte dieser Vertrag zunächst gelten, eingehalten wurde er bis zu einer Folgekonferenz im Januar 1981. Diese gab, wiederum in Oslo, Anlass zu Optimismus. Der Bestand hatte begonnen, sich zu erholen, außerdem gab es durch die intensivierte Forschung genauere Erkenntnisse über die Populationsentwicklung und das Verhalten der Bären. Sorge bereitete dagegen die zunehmende »Industrialisierung« der Arktis und die damit häufigeren Begegnungen zwischen Mensch und Eisbär – Konflikte, die in den allermeisten Fällen der Bär mit dem Leben bezahlt hat (und bezahlt). Es wurde beschlossen, vor allem Regionen, in denen die Geburtshöhlen liegen, besonders zu schützen. Inzwischen sind diese Gebiete für »zivile« Besucher weitgehend tabu.


Es ist höchste Zeit für grundlegende Veränderungen

Heute liegen die Dinge anders. Weniger regionale als globale Phänomene bedrohen den König der Arktis. So hat die diesjährige Konferenz in Tromsö – neben einer aktuellen und beunruhigenden Bestandsaufnahme – vor allem zu einem Appell an die Weltklimakonferenz im Dezember 2009 in Kopenhagen aufgerufen. Nur ein konsequentes und kurzfristiges Vorgehen gegen alle Faktoren, die zu einer weiteren globalen Erwärmung führen, kann den schwindenden Lebensraum der Eisbären womöglich schützen. Ob das die »großen Räuber« retten kann, ist allerdings nicht sicher. Die Erwärmung der Arktis ist bereits heute ein Teufelskreis, der sich inzwischen durch physikalische Effekte selbst unterhält – ein Prozess, der nicht einmal durch den sofortigen Verzicht auf jegliche Emission von Treibhausgasen kurzfristig zu stoppen wäre. Nicht nur Pessimisten befürchten, dass es langfristig nicht gut aussieht für den weißen Bären – für ein in jeglicher Hinsicht beeindruckendes Lebewesen, das außer dem Menschen – und dem Klima – keine natürlichen Feinde hat.


Der Bär nah beim Schiff weiß nichts davon. Die Ferngläser und Kameras erschrecken ihn nicht. Sie stören, sie bedrohen ihn nicht. Er nähert sich aus Neugier – und trollt sich, wenn er genug hat von diesen seltsamen, bunt gekleideten Zweibeinern auf einer Eisscholle aus Stahl. Diese aber nehmen von ihrer durch POLAR-KREUZFAHRTEN organisierten Arktisreise neben »Beweisfotos« für Freunde, Verwandte und Bekannte unvergessliche Eindrücke mit nach Hause. Eindrücke, die nachfolgenden Generationen womöglich zunehmend vorenthalten bleiben werden – in einer Zeit, in welcher der Nordpol im Segelboot erreichbar sein könnte und die letzten lebendigen Eisbären traurig in Zoos und Tierparks ihrem Schicksal entgegen sehen.


Ins Bett geht keiner mehr, während der zuverlässige Dieselmotor das Schiff wieder an der Eiskante entlang schiebt und in der Heckwelle zwei Walrösser Frühsport betreiben. Nahtlos geht das nächtliche Abenteuer für die Passagiere in ein Frühstück über, das deutlich reichhaltiger ist als die arktische Nahrungskette. Heute ist – im Eis auf fast 81 Grad nördlicher Breite – kein Landausflug in die arktische Tundra oder Gletscherwelt geplant. Die Sonne steigt höher, der Golfstrom sorgt (und das tat er schon immer …) für angenehme Temperaturen, die Daunenjacke bleibt in der Kabine. Mancher steht sogar im T-Shirt an Deck, während er mit seinem Fernglas die gefrorene See nach gelblichen Punkten absucht, die sich gemächlich über das Eis bewegen. Und dann, irgendwann, betritt wieder jemand die jederzeit offene Brücke und flüstert dem freundlichen Kapitän ins Ohr: »Polar bear! Starboard side, approximately two hundred meters away …«

© Kai Schubert
2. April 2009