Wettlauf zum Pol

Wettlauf zum Pol zwischen Amundsen und Scott

Die Gruppe um Scott Die Gruppe um Scott

Das heroische Zeitalter der Antarktisforschung begann am Ende des 19. Jahrhunderts. Expeditionen aus Belgien, Frankreich, Schottland, Norwegen und Deutschland suchten einen Zugang zum letzten unerforschten Kontinent der Erde. Doch erst die Engländer wagten tiefe Vorstöße ins ewige Eis Richtung Südpol.


Robert Falcon Scott (1868 – 1912) sollte dem britischen Empire den Verdienst sichern, als erste Nation den Südpol zu erreichen. Doch während Scott an Bord der »Terra Nova« zur Antarktis segelte, erfuhr er von einer norwegischen Expedition mit dem gleichen Ziel. Der Polarforscher Roald Amundsen (1872 – 1928), ursprünglich unterwegs zum Nordpol, hatte seine Pläne geändert und nun ebenfalls den Südpol im Visier. Auftakt zu einer der spannendsten, dramatischsten – aber auch tragischsten – Episode in der Pol-Geschichte.

Amundsen erreicht am 14. Dezember 1911 mit vier Begleitern als erster Mensch den Südpol. Als Robert Scott am 17. Januar 1912 eintrifft, findet er ein Zelt, auf dem die norwegische Flagge weht. Der Wettlauf zum Pol erreicht seinen traurigen Höhepunkt bei der Heimreise: Auf dem Rückweg kommen alle Teilnehmer der Scott-Expedition ums Leben. Der Kapitän selbst stirbt, vermutlich am 29. März 1912, nur 18 Kilometer vom Depot seines Basislagers entfernt. Und das, obwohl sich die Mannschaft von Scott monatelang in der Antarktis vorbereitet hatte.


Spekulationen um Scotts Scheitern

Warum Scott scheiterte, lässt Antarktis-Experten bis heute diskutieren. Denn zunächst schüttelt man ungläubig den Kopf, dass Scott trotz intensiver Vorbereitung ein eisiges Grab finden sollte. Einschließlich eines kompletten Labors in Polnähe schien sein Team perfekt vorbereitet zu sein. Als größten Fehler schreibt man ihm heute zu, dass er sich – statt mit bewährten Schlittenhunden zum Pol zu ziehen – auf sibirische Ponys als Zugtiere verlassen hat. Auch ungenügende Erfahrung mit den Skiern, ein grundsätzlich schlechter Gesundheitszustand der Ponys und die möglicherweise mangelhafte Ernährung wurden als Ursachen ins Spiel gebracht. Dies scheint sich auch in Scotts Aufzeichnungen widerzuspiegeln:


Notizen aus Robert Scotts Tagebuch

»Wieder ein entsetzlicher Marsch. Trostlose Beleuchtung und miserable Oberfläche! … Die Tiere machen mir große Sorge, denn sie sind nicht die Ponys, die sie sein müssten. … Im Lager geht es schweigsam und niedergeschlagen zu, ein Zeichen, dass es schlecht steht. … All die Tatsachen, die ich oben aufzählte, waren nichts gegen die Überraschung, die uns am Ross-Schelfeis erwartete. Unser Untergang ist gewiss auf dieses plötzlich eintretende Wetter zurückzuführen, für das es keine Erklärung gibt.«

 Notizen, die vieles wiedergeben. Aber keine Hinweise auf den heroischen Polarforscher Scott übrig lassen, der schon 1901 bis 1904 Victorialand und das Ross-Eisschelf erforschte und in Hut-Point überwinterte. Vielmehr sieht sich Scott als Spielball der Natur und Opfer ihrer Launen.


Demgegenüber steht der Norweger Amundsen, der im Einklang mit der Natur handelt. Aufgewachsen »auf Skiern« in den norwegischen Bergen, wo fast ähnliche Bedingungen herrschen. Entsprechend professionell handelte er in der extremen Umgebung der Antarktis:


Aus den Aufzeichnungen von Roald Amundsen

»Dichtes Schneegestöber und vom Sturm aufgejagte Schneewehen – Himmel und Erde verschwammen ineinander, nichts war zu sehen. Trotzdem ging es glänzend vorwärts. … Die ganze Zeit über musste man sich auch Nasen, Wangen, Ohren auftauen, an denen es einen erbärmlich fror. Natürlich hielten wir dabei nicht an, dazu hatten wir keine Zeit. Wir zogen einfach während des Marsches einen Fausthandschuh aus und legten die warme Hand auf die erfrorene Stelle.«

Scotts Scheitern unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten

Untersucht man die Unterlagen und Notizen, die bei den Leichen der Scott-Expedition gefunden wurden, häufen sich die Hinweise, dass Scott tatsächlich vor allem am Wetter scheiterte, wie es auch in seinen Aufzeichnungen zu lesen ist. 1999 untersuchten Wissenschaftler der Nationalen Forschungsbehörde für Ozeanographie und Atmosphärenforschung in Boulder/Colorado die Schlechtwetter-Theorie. Scotts Aufzeichnungen wurden mit Wetterdaten der vergangenen 16 Jahre verglichen. Und tatsächlich zeigt sich, dass Scott mit außergewöhnlichen Bedingungen zu kämpfen hatte. Die Temperaturen während der Scott-Expedition lagen durchschnittlich sechs bis zwölf Grad unter dem errechneten Mittel. Ist sein Scheitern tatsächlich darin zu suchen?

 Zumindest bleibt der Wettlauf zum Pol eine der spannendsten und tragischsten Expeditionen aller Zeiten.