Sir Ernest Henry Shackleton (1874-1922)

Heutzutage wird man in Deutschland dem Namen Shackleton eher auf Managerseminaren begegnen als in Gesprächen über Polarfahrten. Dabei war Ernest Henry Shackleton auf seine Art und Weise einer der großen Polarforscher, den ein äußerst kommunikativer und umsichtiger Geist auszeichnete.

Geboren in 1874 in Kilksea, Irland, begann Shackleton 1890 auf eigenen Wunsch seine Lehrzeit auf der »Hoghton Tower«, einem Schiff der North Western Shipping Company. Eine Ausbildung bei der Royal Navy konnte der Vater nicht finanzieren.

In den folgenden acht Jahren, bevor er das Kapitänspatent erhielt, kam Shackleton viel in der Welt herum und lernte das Seemannshandwerk, den Umgang mit Ladungen, das Verladen von großen Schiffen in kleinere, die Navigation usw. von Grund auf.

Während des Burenkrieges verdingte er sich bei der Royal Navy und stellte dort für sich fest, dass die Routine und Methodik nicht seinen Lebensvorstellungen entsprachen.

Diese Erkenntnis, zusammen mit seiner Vorliebe für Jules Vernes’ Romane sowie den Nachrichten von antarktischen Entdeckungen ließen in ihm den Entschluss reifen, Polarforscher zu werden. Nicht zu guter Letzt erhoffte er sich davon auch Ruhm und Reichtum.

Die Discovery Expedition

Über gute Beziehungen zu einem der Sponsoren konnte er 1901 an der Discovery Expedition zur allgemeinen geographischen Erkundung der Antarktis unter dem Kommando von Sir Robert Falcon Scott, einem überzeugten Royal Navy Offizier, teilnehmen.

Shackleton nahm auf der Discovery die Funktion eines dritten Offiziers ein und war für die Untersuchung des Meerwassers zuständig. Ferner war er verantwortlich für Fracht, Lager und Versorgung sowie für das Unterhaltungsprogramm an Bord. Letzteres war auf den jahrelangen Antarktis-Reisen, in Zeiten vor elektronischen Medien für die Moral der Expedition von erheblicher Bedeutung!

Die Expedition endete für ihn mit einer vorzeitigen Entlassung, angeblich wegen gesundheitlicher Probleme. Aber bis heute wird aufgrund unterschiedlichster Quellen immer wieder diskutiert, ob Scott Shackleton nicht die Beliebtheit und Anerkennung bei der Crew neidete.

Die Nimrod-Expedition

1907 hatte Shackleton genügend Geld zusammengetragen, um seine eigene Antarktis-Expedition finanzieren zu können. Er startete die British Antarctic Expedition, heute besser bekannt als Nimrod-Expedition.

Shackleton wollte den geographischen und den magnetischen Südpol mit dieser Expedition erreichen.

Die Expeditionsmannschaft verbrachte den Südpolwinter des Jahres 1908 am Cape Royds auf der Westseite der Ross-Insel im McMurdo Sound. Von dort startete im Oktober eine kleine Gruppe, um den geographischen Südpol zu erreichen. Nach gut zwei Monaten qualvollen Vorankommens durch das Ross-Schelfeises und der Überquerung des Beardmore-Gletschers traf Shackleton die Entscheidung, sich nicht die noch verbleibenden 180 km zum Südpol durchzukämpfen. Er kehrte um, da seine Männer in körperlich schlechter Verfassung waren, die Versorgung mangelhaft und die Ausrüstung unzureichend war. Hinzu kamen Rückschläge durch das extreme Wetter. Seiner Frau gegenüber argumentierte er: »… ein lebender Esel ist doch besser als ein toter Löwe, nicht wahr …«

Bei seiner Rückkehr nach Großbritannien wurde er, obwohl er sein eigentliches Ziel nicht erreicht hatte, als Held gefeiert. Für Shackleton aber war klar, dass nicht ihm allein der Verdienst gebührte, sondern es war für ihn selbstverständlich, immer auch auf seine Mannschaft zu verweisen.

Antarktis-Reise mit der Endurance

Im Dezember 1914 brach er erneut zu einer Antarktis-Expedition auf, der »Endurance«-Expedition. Dabei sollte die Antarktis von der Küste des Weddell-Meeres über den Südpol hinweg zum McMurdo Sound in der Ross See durchquert werden.

Seine Crew stellte er nicht nur unter rein fachlichen Aspekten zusammen, sondern berücksichtigte auch Qualitäten, die ihm für den Gruppenzusammenhalt wichtig schienen; so kamen ein singender Physiker an Bord oder auch ein Meteorologe, der Banjo spielte. Es war für Shackleton ebenfalls unerlässlich, dass sich wirklich jeder in der Lage fühlte, ein Deck schrubben zu können. In Anbetracht dessen, was auf das Team der »Endurance« auf dieser Reise zukommen sollte, erwies sich das als sehr weise …

Sie hatten während der Fahrt mit Treibeis gerechnet und wollten die Drift des Treibeises auch nutzen, um sich ihrem Ziel anzunähern, aber wieder einmal zeigte sich die Antarktis als unberechenbar.

Am 27. Oktober 1915 war die »Endurance« so vom Packeis eingeschlossen, dass sie dem Druck nicht mehr standhalten konnte und von Shackleton aufgegeben werden musste. Die Mannschaft zeltete zwei Monate auf Eisschollen in der Hoffnung, dem Festland näher zu kommen, aber diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit 28 Männern in den drei kleinen Rettungsbooten der »Endurance« fünf Tage auf tosender See zu verbringen, um dann erschöpft Elephant Island, die östlichste der südlichen Shetlandinseln, zu erreichen. Diese Insel war und ist alles andere als einladend und lag fernab jeglicher Schiffsrouten, was die Aussicht auf Rettung durch bloßes Ausharren und Abwarten zunichte machte.

Die legendäre Rettungsfahrt nach Südgeorgien

Also ließ Shackleton eines der Rettungsboote, die James Caird, vom Zimmermann mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln soweit es ging hochseetauglich machen und brach mit Proviant für vier Wochen und fünf weiteren Männern auf, um eine der Walfangstationen auf Südgeorgien zu erreichen.

15 Tage kämpften sie sich durch den Südatlantik, wo 18 Meter hohe Wellen tosten und das Boot ständig zu kentern drohte, bis sie die Küste Südgeorgiens in Sicht hatten.

Absolute »Höhepunkte« dieser höllischen Fahrt waren die gelegentlichen Becher heißer Milch aus Milchpulver, wenn es ihnen denn gelang, Wasser zu erhitzen. Aufgrund des andauernden Sturms konnten sie das Boot aber nicht näher an die Küste navigieren. Sie mussten auf See bleiben und Shackleton war gezwungen, erneut eine andere »Lösung« zu finden:

Sie würden in der zu manchen Jahreszeiten eisfreien, aber menschenleeren, King-Hakon Bay an Land gehen und sich zu Fuß zu einer Walfangstation im Norden durchschlagen.

Die Anlandung gelang und sie konnten auch die »James Caird« an den Strand ziehen und sichern. Dieses war wichtig für drei Mitglieder der Crew, die den Fußmarsch nicht überlebt hätten. Sie blieben im improvisierten Lager »Paggotty Camp«, während Shackleton und die zwei übrigen Kameraden sich auf den Weg machten.

Am 20. Mai 1916, nach 36 Stunden Fußmarsch über Eisfelder, Höhenzüge und Gletscher, ohne Karten und mittlerweile mehr als mangelhafter Ausrüstung erreichten die drei die Walfangstation Stromness.

Sofort kümmerte sich Shackleton darum, dass die zurückgelassenen drei Crewmitglieder sowie ihr Beiboot, die James Caird, aus »Paggotty Camp« geholt werden konnten.

Ihre wohl größte Auszeichnung erfuhren die Männer durch den anerkennenden Händedruck der Walfänger.

Shackleton konnte aufgrund der widrigen Wetter- und Eisverhältnisse die Rettung der Männer auf Elephant Island erst nach drei Monaten mit der Hilfe eines chilenischen Hochseeschleppers, der »Yelcho« durchführen.

Alle 28 Mann Besatzung der »Endurance« erreichten Chile, erschöpft, aber mehr oder minder gesund, am 16. September 1916.

Nicht alle kamen zurück

Zur »Endurance«-Expedition gehörte aber noch ein zweites Team, das vom McMurdo Sound in der Ross See aus kommend, der querenden Mannschaft entlang ihrer letzten Wegstrecke Vorratslager einrichten sollte. Sie hatten ihren Auftrag erfüllt, aber dafür mussten drei Menschen sterben. Ein Teil der Mannschaft war schiffbrüchig, so dass Shackleton im Dezember 1916 erneut an Bord ging, um die überlebenden Mitglieder von Cap Evans zu retten. Im Mai 1917 kehrte Shackleton, durch eine Herzschwäche und zunehmenden Alkoholkonsum gesundheitlich angeschlagen, nach England zurück und meldete sich als Kriegsfreiwilliger, da er für den normalen Militärdienst bereits zu alt war.

Die letzte Antarktis-Expedition mit der Quest

Nach dem Ersten Weltkrieg organisierte er ehrgeizig eine dritte Expedition, die sich zunächst die Erkundung der Beaufort-See in der Arktis zur Aufgabe stellte. Dann aber wurde aus unbekannten Gründen von Shackleton die »Umrundung des antarktischen Kontinents und die Suche nach verschollenen subantarktischen Inseln« als Expeditionsziel festgesetzt.

Viele seiner ehemaligen Mannschaftsmitglieder hielten Shackleton trotz finanzieller Krisen die Treue und brachen mit ihm und der »Quest« am 24. September 1921 auf. Auf einer Zwischenstation in Rio de Janeiro erlitt Shackleton vermutlich einen Herzinfarkt, dem er aber weiter keine Beachtung schenkte, so dass sie am 4. Januar 1922 den Hafen von Grytviken auf Südgeorgien erreichten. Hier starb Shackleton am Morgen des 5. Januars 1922. Auf Wunsch der Witwe wurde Ernest Shackleton auf Südgeorgien beigesetzt. Unter großer Beteiligung der Bevölkerung fanden in Montevideo und in der St Paul’s Cathedral in London Gedenkgottesdienste statt.

Shackletons Leistungen wurde lange Jahre vom Ruhm Scotts überdeckt. Erst seit den 60-iger Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Gesellschaft immer mehr die soziale Kompetenz als Führungsqualität anerkannte, wurde Shackleton Anerkennung zu teil.

Seine Fähigkeiten, aus jedem das Beste herauszuholen, die Leistung des Einzelnen anzuerkennen und seine aufrichtige Uneigennützigkeit waren Grundvoraussetzung bei der Bewältigung der gefährlichsten Situationen auf seinen Expeditionen.

Es verwundert daher nicht, dass Management-Trainer Shackleton für sich entdeckt haben, um Führungskräften aufzuzeigen, dass Leitung mehr ist als Organisation und Anordnungen.