Polarschiff FRAM

2012 ist es 120 Jahre her, dass das Polarschiff Fram vom Stapel lief. Der Name »Fram« – deutsch »Vorwärts« – ist untrennbar mit einigen der bedeutendsten Ruhmestaten in der norwegischen und internationalen Geschichte der Polarforschung und damit mit den Namen der größten Polarforscher der neueren Zeit verknüpft. Von Kåre Berg

Nachdem der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen im Jahre 1888 mit fünf Männern das Inlandeis von Grönland überquert hatte, beschloss er, die unerforschten inneren Gewässer der Arktis zu erforschen, indem er in der Nähe der Bering-Straße ein Schiff im Eis festfrieren lassen würde. Nansen war überzeugt, dass von Sibirien zum Nordpol und von dort südwärts entlang der Küste von Grönland ein starker nordwestlicher Meeresstrom fließen müsse, und jetzt wollte er die Richtigkeit seiner Theorie beweisen. Er hoffte, der Strom werde ihn im Laufe von drei Jahren so nah an den Polpunkt herantragen, dass es ihm als ersten Menschen gelingen würde, die norwegische Flagge auf dem Nordpol zu hissen.

1890 legte er seinen Plan vor: »Ich werde ein Schiff bauen, das so klein und so stark sein wird wie möglich …, das dem Druck des Eises standhalten und das vom Packeis hochgehoben statt heruntergedrückt wird.« Die Konstruktion überließ er Colin Archers Schiffswerft in Larvik, die in ganz Norwegen für ihre guten Lotsen- und Rettungsboote bekannt war.

Die Fram wurde nach allen Regeln der Kunst für ihre Aufgabe ausgerüstet. Die Spanten wurden aus kräftigen Baumstämmen herausgehauen und versteift, um dem Druck des Eises standhalten zu können. Der 70 Zentimeter dicke Rumpf bestand aus drei Außenhäuten – die beiden inneren aus Eiche, die äußere aus Grünharzholz. Als zusätzlichen Schutz wurde das Schiff an Bug und Heck mit Eisenplatten verstärkt. Steuerruder und Propeller konnten gehoben werden. Nansens Forderung, das Schiff müsse, wenn es in kräftiges Packeis gelange, hochgedrückt werden, wurde dadurch entsprochen, dass der Schiffsrumpf eine ausgeprägt abgerundete Form bekam. Der 400-Tonner wurde als dreimastiger Schoner aufgetakelt und mit einem 220 PS Dampfhilfsmotor ausgerüstet. Eine kleine Windmühle sorgte für Stromversorgung. Das spezialkonstruierte Schiff wurde Fram getauft und lief 1892 in Larvik vom Stapel.

Erste Fram-Expedition 1893-96 (Leiter: Fridtjof Nansen, 1861-1930)

Im Jahre 1893 verließ Nansen mit einer zwölf Mann starken Besatzung und Verpflegung für fünf Jahre Norwegen und segelte durch die Nord-Ost-Passage zu den Neusibirischen Inseln, wo er die Fram im Eis festfrieren ließ. Die westwärts treibende Eisscholle nahm das Schiff mit sich, führte es aber nicht so nah an den Nordpol heran, wie Nansen gehofft hatte. Im März 1895 verließ er deshalb die Fram zusammen mit Hjalmar Johansen und versuchte, den Pol auf Skiern und mit Schlitten zu erreichen. Nach wechselvollen Ereignissen erreichten sie die geographische Breite von 86°14’ N und waren damit weiter gekommen als je ein Entdecker vor ihnen, aber hier waren sie zur Umkehr gezwungen. Nach einer dramatischen Heimreise erreichten sie Norwegen am 13. August 1896, an dem Tag – welch merkwürdiges Zusammentreffen! –, an dem sich die Fram nördlich von Spitzbergen aus der Umklammerung des Eises befreit hatte. Damit war es Nansen gelungen, den Beweis für seine Theorie von einer westwärts verlaufenden Meeresströmung zu erbringen, und der Erfolg der Expedition machte den Namen Nansen und das Schiff Fram weltbekannt.

Zweite Fram-Expedition 1898-1902 (Leiter: Otto Sverdrup, 1854-1930)

Ein langes Ausruhen auf ihren Lorbeeren war der Fram nicht vergönnt. Knapp zwei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Norwegen ging die Reise wiederum nach Norden – diesmal mit Otto Sverdrup als Expeditionsleiter. Sverdrup hatte früher zusammen mit Nansen das Inlandeis von Grönland überquert; und Sverdrup war es, dem Nansen 1895 die Leitung der Expedition überlassen hatte, als er selbst das Schiff verließ und sich auf den Weg zum Nordpol machte. Otto Sverdrup war es auch, der sich später dafür einsetzte, dass die Fram der Nachwelt erhalten bleiben sollte.

Ziel der Expedition von 1898 war es, die nördlichste Spitze Grönlands zu erforschen. Für die Fram war das Eis jedoch zu dick, als dass sie durch den engen Sund zwischen Grönland und der Insel Ellesmere Island hätte segeln können. Vier Jahre lang – von 1898 bis 1902 – lag die Fram in verschiedenen Fjorden der Insel vor Anker und diente als Stützpunkt für Schlittenexpeditionen in unbekannte Gegenden im Westen und Norden. Die von der Expedition zurückgelegten Entfernungen waren enorm: insgesamt 18 000 Kilometer mit mehr als 700 Übernachtungen im Zelt. Ein Inselreich von 200 000 Quadratkilometern wurde vermessen und erhielt norwegische Namen. Die wissenschaftlichen Funde waren beträchtlich. Sverdrup annektierte die Inseln. Später aber wurden sie von Kanada übernommen; die norwegischen Ortsnamen wurden jedoch beibehalten.

Dritte Fram-Expedition 1910-12 (Leiter: Roald Amundsen, 1872-1928)

Im August 1910 verließ die Fram Norwegen zu ihrer dritten Expedition, diesmal unter der Leitung von Roald Amundsen. Offizielles Ziel war der Nordpol. Während der Vorbereitungen auf die Expedition wurde jedoch bekannt, dass der Amerikaner Robert Peary den Pol am 6. April 1909 erreicht hatte. Daraufhin änderte Amundsen in aller Heimlichkeit seine Pläne und beschloss, mit dem britischen Polarforscher Robert Scott zu konkurrieren, um als erster den Südpol zu erreichen. Erst als die Expedition Madeira erreicht hatte, ließ Amundsen die anderen Expeditionsteilnehmer und Robert Scott von seinen neuen Plänen wissen.

Bei der Ankunft in der Walbucht im Rossmeer ging Amundsen an Land und errichtete die Überwinterungsstation Framheim. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Zusammen mit vier Begleitern erreichte er am 14. Dezember 1911 den Südpol, wo er genau einen Monat vor Scott sowohl die norwegische Flagge als auch den Fram-Wimpel aufpflanzte.

In der Zwischenzeit benutzten andere Expeditionsteilnehmer die Fram, um das Südliche Eismeer zu erforschen und erreichten 78°41’ südlicher Breite. Damit war die Fram das Schiff, das am weitesten nach Norden und am weitesten nach Süden gesegelt war. Insgesamt legte die Fram 54 000 nautische Meilen zurück – eine Entfernung, die zweieinhalbmal so groß ist wie der Erdumfang am Äquator.

Amundsen weihte sein Leben der Polarforschung. Als Steuermann auf der Belgica in den Jahren 1897 bis 1899 war er einer der ersten, die in der Antarktis überwinterten. Von 1903 bis 1906 segelte er mit der Gjøa durch die Nord-West-Passage und von 1918 bis 1925 mit der Maud durch die Nord-Ost-Passage. 1925 erreichte er in den Wasserflugzeugen N.24 und N.25 beinahe 88° nördlicher Breite, und im Jahre 1926 führte er zusammen mit dem amerikanischen Polarforscher Lincoln Ellsworth und dem italienischen Luftschiffkonstrukteur General Umberto Nobile den ersten transpolaren Flug durch. Amundsen verschwand 1928, als er versuchte, Nobiles Expedition mit dem Luftschiff Italia mit dem französischen Flugzeug Latham zu Hilfe zu kommen.

Das Fram-Museum

Nach der Heimkehr der Fram im Jahre 1914 war das weitere Schicksal des Schiffes viele Jahre lang ungewiß. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ die Menschen an andere Dinge denken.

1916 wurde auf Initiative des Osloer Seemannsverbandes Kristiania Sjømannsforening das erste Fram-Komitee gegründet. Das Komitee war einhellig der Auffassung, das Schiff müsse der Nachwelt erhalten bleiben und sei dementsprechend instand zu setzen. Otto Sverdrup war wie schon gesagt einer der stärksten Befürworter in dieser Angelegenheit. Eine Spendenaktion brachte Geld, und 1929 wurde die Fram nach Sandefjord getaut, um dort in der Framnæs Mek. Verksted repariert zu werden. Im Jahre 1935 kehrte das Schiff nach Oslo zurück und wurde auf der Halbinsel Bygdøynes an Land gesetzt, wo es auch heute noch liegt. Das ehrwürdige Schiff bekam sein eigenes Haus, das noch im selben Jahr als Fram-Museum feierlich eröffnet wurde mit König Haakon und seinem Sohn Kronprinz Olav als Ehrengästen.

Im Zeitraum von 1990 bis 1992 wurde das Museum erweitert, um den ständigen Ausstellungen einen größeren Informationsgehalt zu geben. Das Hauptgewicht wurde auf klassische Polarforschungsexpeditionen in Nord und Süd gelegt; man richtete jedoch gleichzeitig dem Tierleben in Arktis und Antarktis gewidmete Sonderausstellungen ein. Darüber hinaus wurden Amundsens Forschungsreisen mit den Schiffen Gjøa und Maud, den Wasserflugzeugen N.24 und N.25 und mit dem Luftschiff Norge veranschaulicht sowie die Latham-Tragödie.

Weitere Verbesserungen wurden 1996 in Zusammenhang mit dem 60jährigen Jubiläum des Museums vorgenommen. Dieses Jubiläum fiel im übrigen mit dem 100jährigen Jubiläum der Heimkehr der Fram vom Nordpolarmeer zusammen.

Zur Erinnerung an die erste Fram-Expedition wurden zum 60. Geburtstag des Museums von der Münzstätte Den Kongelige Mynt eine 5-Kronen-Umlaufmünze und eine Gedenkmedaille in Silber herausgebracht. Im Laufe des Sommers wurde das Jubiläum auf verschiedene Weise begangen, unter anderem mit einer Sonderausstellung des Norwegischen Informationszentrums im alten Osloer Westbahnhof Vestbanen und einer Jubiläumsfahrt auf dem Oslofjord.

In den letzten Jahren haben jährlich rund 250.000 Menschen das Fram-Museum besucht.

Der Autor des Artikels, Kåre Berg, ist Direktor des Fram-Museums.

Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Für den Inhalt des Beitrags ist ausschließlich der Autor verantwortlich. Nachdruck gestattet. Gedruckt im Mai 1996.

Die »Neue« MS FRAM

2007 hat die norwegische Reederei Hurtigruten ein für ihre Verhältnisse kleines Kreuzfahrtschiff in Dienst gestellt und nach dem historischen Vorbild benannt. Sie ist ca. 114 m lang, 20 m breit und hat einen Tiefgang von 5,1 m. Die MS Fram geht mit max. 318 Passagieren auf Kreuzfahrt in der Antarktis, Grönland und Spitzbergen.


Sie werden bei Polar-Kreuzfahrten vergeblich nach Expeditionsseereisen mit der MS Fram suchen, denn sie entspricht aufgrund ihrer Größe nicht unserer Philosophie von Naturerlebnis-Reisen. Unter einem Expeditionsschiff verstehen wir eisverstärkte Schiffe mit höchstens 100 Passagieren, um an Land in möglichst kleinen Gruppen die maximal mögliche Zeit verbringen zu können.