Das rote Zelt: Nobile und Amundsen

Kennen Sie den Film »Das rote Zelt« aus dem Jahr 1968/69?

Nobile und Amundsen – Ein Luftschiff verunglückt über der Arktis und ein Teil der Besatzung kann sich in ein Zelt retten. Das Zelt wird rot angemalt, um im ewigen Eis doch noch vielleicht irgendwie gesehen zu werden …

Diese Geschichte ist keine pure Fiktion, sondern beruht auf dem Buch von Umberto Nobile »My polar flights« und ereignete sich auf dem Rückflug des Luftschiffes »Italia« vom Nordpol nach Spitzbergen am 25. Mai 1928.

Die Luftschiffe – eine neue Art für Expeditionen?!

Umberto Nobile war ein italienischer Konstrukteur von Luftschiffen. Während des ersten Weltkrieges baute und entwarf er Luftschiffe für das italienische Militär, die aber aufgrund des Endes des Weltkrieges nicht mehr zum Einsatz kamen. Eine Folge des Krieges war die Entmilitarisierung Deutschlands, so dass im Rahmen von Reparationsleistungen Italien 1920 Luftschiffe aus Deutschland übereignet bekam.

Die in Deutschland entwickelten Luftschiffe hatten während des ersten Weltkrieges bewiesen, dass sie fähig waren, rund um die Welt zu fahren. Aufgrund von Beschränkungen durch den Versailler Vertrag musste die Herstellung »deutscher« Luftschiffe nach Italien verlagert werden. Wer also erprobte Luftschiffe suchte, fand sie hier.

Luftschiffe hatten eine größere Reichweite, waren sicherer als Flugzeuge zur damaligen Zeit und konnten schweben, d.h. sie konnten in der Luft an einer Stelle verharren. Dadurch war es möglich, aus der Luft eine viel bessere Erkundung des Terrains vorzunehmen. Außerdem bot die Fähigkeit des Schwebens die Chance, Personen gezielt an einer Stelle abzusetzen. Diese Überlegungen stellte auch der norwegische Polarforscher Roald Amundsen an, dessen Versuch, im Mai 1925 den Nordpol mit Flugzeugen zu überqueren, scheiterte.

Die Reise soll beginnen…

Nachdem der amerikanische Millionär Lincoln Ellsworth, der bereits Amundsens ersten gescheiterten Überflugversuch sponserte, auch die Finanzierung eines Luftschiffes sicherstellte, kauften Ellsworth und Amundsen 1926 in Italien die gebrauchte, von Nobile konstruierte N1,  die in »Norge« umgetauft wurde. Amundsen war anfangs hocherfreut, dass sie Nobile als Piloten gewinnen konnten. Wenn der Konstrukteur mit an Bord war, konnten alle anfallenden Reparaturen kompetent erledigt werden.

Aber die Erwartungshaltungen der beiden Männer waren zu unterschiedlich:

Nach Eroberung des Südpols, der Durchquerung der Nordwestpassage als Erster und der Durchquerung der Nordostpassage als Zweiter wollte Amundsen sich wieder in der Öffentlichkeit als Held und Entdecker in Erinnerung rufen.

Dazu war er als 52-Jähriger bereit, sich körperlich topfit zu halten und auf den Reisen nur mit dem Allernotwendigsten auszukommen. Nobile hingegen war aufgrund seiner körperlichen Statur dreimal vom Militär abgelehnt worden und hatte aber, obwohl er Amundsen und seinen Leuten untersagte, aus Gewichtsgründen Wäsche zum Wechseln mitzunehmen, u.a. eine Eichentruhe an Bord, in der sich italienische Wimpel und eine große Fahne zum Abwerfen über dem Nordpol befanden.

Mussolini unterstrich mit den Worten: »Sie werden los fliegen und siegreich zurückkehren.« deutlich, was er von Nobile erwartete.

Fahrt mit Hindernissen

Umso enttäuschender, dass die Expedition aufgrund schlechten Wetters nicht am 3. April starten konnte, sondern erst eine Woche später und sie dadurch erst am 7. Mai in Ny Ålesund auf Spitzbergen eintrafen. Die miserable Witterung begleitete sie und es kam unterwegs immer wieder zu kleineren und größeren Schäden am Luftschiff. Zusätzlich waren die Reiseabschnitte bis dahin geprägt von Unstimmigkeiten zwischen Nobile und Amundsen, was Führung, Hierarchien und Arbeitsteilung anging.

Am 11. Mai 1926 überquerten sie dann in der letzten Etappe den Nordpol, um nach 70 Stunden und 40 Minuten in Alaska zu landen. Von dort begaben sie sich nach Seattle, wo ein großer Empfang gegeben wurde. Amundsen war sehr verblüfft, als Nobile bei dem Empfang in der Uniform eines Obersten der italienischen Armee erschien. Amundsen selber trug Bergarbeiterkleidung, da ihm von Nobile auferlegt wurde, keine Wechselkleidung mitzunehmen und er sich somit nach der Landung neue Bekleidungstücke kaufen musste.

Rückkehr vom Nordpol

In Seattle trennten sich die Wege von Amundsen und Nobile. Nobile wurde von Mussolini mit einer Reise durch die USA beauftragt, bei der er für die technologische Leistungsfähigkeit Italiens werben sollte und wohl auch, um ja keine Eintracht zwischen Amundsen und Nobile aufkommen zu lassen. Amundsen fuhr nach Hause, um sein Reisejournal zu schreiben und sich wieder um seine notorisch kritische finanzielle Situation zu kümmern.

Nobile will den Ruhm für sich

Nobile hatte allerdings trotz der Unstimmigkeiten mit Amundsen auf der Reise Feuer gefangen und stand mit anderen Polarforschern in Kontakt, da er eine weitere Fahrt zum Nordpol plante; diesmal aber ausschließlich unter italienischer Leitung.
Die öffentliche Meinung der Italiener stand auf Seiten Nobiles, aber er und seine Mitarbeiter hatten schwer mit Anfeindungen von Wettbewerbern aus dem faschistischen Regime zu kämpfen.

Aufbruch der Italia

Am 15. April 1928 brach Nobile mit der »Italia« von Mailand auf, um in mehreren Etappen die Basisstation am Kongsfjord auf Spitzbergen zu erreichen. Diesmal sollte der Schwerpunkt der Reise auf der physikalischen Erforschung des Nordpols liegen.
An Bord waren 15 Italiener: Funker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Außerdem gehörte  der schwedische Meteorologe Malmgren, der tschechische Physiker Behounek und Titina, der Fox-Terrier, Nobiles Maskottchen zur Reisegesellschaft.
Seit Aufbruch in Mailand waren auch diesmal die einzelnen Abschnitte der Reise von sehr schlechtem Wetter begleitet; immer wieder mussten Schäden an Maschinen und Rudern ausgebessert werden.

Die »Italia« erreichte den Kongsfjord am 6. Mai, wo das Versorgungsschiff Citta di Milano sie bereits erwartete.

Alles außer Plan

Eigentlich wollte Nobile Wissenschaftler mittels einer Winde und eines aufblasbaren Floßes auf ihrer Fahrt am 24. Mai am Nordpol absetzen, doch starker Wind verhinderte dieses Unterfangen.
Auf dem Rückweg zur Basis fuhren sie aufgrund falsch eingeschätzter Wetterbedingungen gegen den Wind und kamen trotz größtem Energieeinsatzes kaum vorwärts. Schlechtwetter sorgte für Eisablagerungen an Hülle und Höhenruder. Diese führten dazu, dass die Höhenrudersteuerung sich festfraß.
Das Luftschiff kam zu tief mit der Gondel und sie touchierten das Packeis, wobei ein Teil der Gondel abriss. Nobile und neun weitere Männer wurden auf eine Eisscholle geschleudert; sechs Männer der Crew verblieben im steuerlosen Luftschiff. Das Schicksal dieser sechs Männer wurde nie geklärt.

Einer von diesen trug zum Überleben der auf der Eisscholle gestürzten Männer entscheidend bei: Ettore Arduino. Mit unglaublicher Geistesgegenwart warf er aus dem abdriftenden Luftschiff alles in seiner Griffweite aus dem klaffenden Loch in der Gondel in Richtung seiner Kameraden auf dem Eis.
Darunter befand sich auch die Farbe, mit der jene Plane rot gefärbt werden konnte, die viele Jahre später besagtem Film den Titel gab. Der Funker Biagi hatte das Funkgerät gerettet. Nachdem er aus den vorhandenen Trümmern eine Antenne improvisiert hatte, versuchte er, mit dem Funkgerät SOS zu senden, wobei das schlechte Wetter die Übertragungen störte.

Das Begleitschiff der »Italia«, die »Citta di Milano«, hätte die Rufe trotzdem wohl auffangen können, wenn sie den Funk kontinuierlich überwacht hätte. Es hatte den Anschein, als ob Anweisungen von ganz oben zu einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Verschollenen geführt hatte. Umso mehr war seit dem 3. Juni 1928 die Weltöffentlichkeit besorgt, als ein russischer Hobbyfunker zufällig die SOS-Signale der »Italia« auffing.

Todesbringende Rettungsaktionen

Schweden, Norweger, Franzosen, Russen, Dänen, Briten und Italiener starteten Rettungsaktionen und suchten mit Flugzeugen und Hundeschlitten nach der vermissten Expedition. Das Umfeld der Polarforscher und -Entdecker zeigte sich unglaublich solidarisch und unterstützte diese Aktionen nach allen Kräften.

Auch Amundsen in Oslo hörte von dem Unglück und wollte unverzüglich zu Hilfe eilen, aber er wurde erst einmal von der italienischen Regierung ausgebremst, die nicht zulassen wollte, dass Amundsen eine Rettungsaktion leitet. Offizieller Anführer sollte der norwegische Pilot Hjalmar Riiser-Larsen sein, der Amundsen schon zum Südpol begleitet hatte und auch bei der Nordpolüberquerung mit der »Norge« dabei war.
Letztendlich brach Amundsen mit einem Flugboot des Typs »Latham 47« der französischen Marine und dem Piloten René Guilbaud auf.

Am 18. Juni 1928 verschwand die Latham 47 auf ihrem Flug nach Spitzbergen. Der Verbleib des Flugbootes und der Besatzung, und somit auch Amundsens, wurde nie geklärt. Vom Flugzeug wurden nur Wrackteile gefunden. Amundsen hatte sein Leben für Nobile trotz aller Zwistigkeiten eingesetzt und verloren.

Nobile lebt

Die italienische Regierung zeigte sich weiter eher von der destruktiven Seite, ausgedrückt durch mangelnde Koordination der Rettungsaktionen, mangelnde Informationen, massivem Desinteresse, großem Bürokratismus und dem Fehlen offizieller Rettungsmannschaften.
Schließlich wurde Nobile am 23. Juni 1928 von einem schwedischen Piloten von der Eisscholle ausgeflogen. Der russische Eisbrecher Krasnin rettete am 12. Juli 1928 die anderen Überlebenden. Nobile und der Rest seiner Crew wurden nach Rom beordert, wo ihm das italienische Volk einen überwältigenden Empfang bereitete.
Mussolini war allerdings verärgert, da Nobile sich nicht scheute, in einem Gespräch mit Mussolini über die Missstände während der Rettungsaktion Klage zu führen.

Nobile spielte damit seinen Widersachern in die Hände, die dafür sorgten, dass als Untersuchungsergebnis des Unglücks feststand, Nobile hätte seine Leute auf dem Eis im Stich gelassen. Aus Protest legte Nobile im März 1929 sein Amt als General nieder. 1931 ging er für einige Jahre in die Sowjetunion, später nach Spanien und in die USA. 1945 wurde er von der italienischen Armee rehabilitiert. Er starb in Rom am 31. Juli 1978.