Westgrönland mit MS Ocean Nova

Expedition Westgrönland mit dem Expeditionsschiff MS Ocean Nova

Eisbären zu begegnen erwarten wir nicht, als wir mit der MS Ocean Nova zu einer Kreuzfahrt an der Westküste Grönlands aufbrechen – aber deshalb sind wir auch nicht hier. Uns locken Robben, Rentiere und Moschusochsen, Polarfüchse und sowie eine vielfältige Vogelwelt. Und immer wieder stehen wir bei überraschend milden Temperaturen auf dem Deck des weiß-blauen Kreuzfahrtschiffes, lassen die Augen über das Meer gleiten und hoffen auf den Moment, der das Herz schneller schlagen lässt – wenn ganz nah neben dem Schiff eine meterhohe Gischtfontäne aus dem Meer empor schießt, sich ein gigantischer Rücken aus dem Wasser hebt, um schließlich mit winkender Schwanzflosse wieder in der Tiefe zu verschwinden. Minkwal, Buckel- oder Finwal – wer mit Polar-Kreuzfahrten nach Grönland aufbricht hat kundige Guides an seiner Seite, lernt alsbald, die großen Meeressäuger voneinander zu unterscheiden.

Die von Albatros Travel und Polar-Kreuzfahrten gemeinsam organisierte Reise in die Disco-Bucht an der Westküste Grönlands beginnt in Kopenhagen – von jedem Ort in Deutschland bequem und schnell zu erreichen. Viereinhalb Stunden nach dem Abflug landet die Maschine in Kangerlussuaq – knapp oberhalb des Polarkreises. Während die Crew der MS Ocean Nova das Gepäck in die Kabinen bringt, bleibt Zeit für einen Abstecher in das karge, hügelige Umland – die erste Chance, einige der vielen tausend Moschusochsen zu entdecken, die hier leben. Dann geht es auf’s Schiff, wo bereits ein exquisites Abendessen auf die neuen Passagiere wartet. Wer will, kann danach die taghelle Polarnacht an Deck verbringen, während die MS Ocean Nova durch einen 160 Kilometer langen Fjord dem offenen Meer zu strebt.

Am nächsten Morgen erreichen wir Sisimiut – mit 5400 Einwohnern für Grönland fast so etwas wie eine Großstadt. Doch obwohl hier die größte Fischfabrik der eisigen Insel steht, ist das Ambiente eher beschaulich. Kleine, hölzerne Häuser, bunt in allen Farben angemalt, verbunden durch Treppen, Wege oder kleine Straßen. Mancher, der sich dabei an Legoland erinnert fühlt. Berge, die im Meer versinken, bunte Boote im Hafen oder auf dem Wasser. Wir steigen in einer halben Stunde auf den Hausberg Teleoen, und uns eröffnet sich ein unvergessliches Panorama. Andere, die sich mehr für Geschichte und Kultur der Inuit interessieren, besuchen das kleine Freilichtmuseum unterhalb der ebenso sehenswerten Kirche.

Eisberge voraus!

Eine weitere Nacht auf dem Wasser und wir stehen in Quequertarsuaq. Dort warten bereits mehrere Inuit-Familien auf uns, laden uns in kleinen Gruppen ein zu Kaffee und selbst gebackenem Kuchen. Gelegenheit, unendlich viele Fragen zu stellen und viel Wissenswertes über die Arktis wie die grönländischen Ureinwohner von diesen selbst zu erfahren. Am Nachmittag erkunden wir die Stadt auf eigene Faust – und machen kuriose Entdeckungen. Motorschlitten, auf Schotter geparkt. Rund um die bunten Häuser grönländische Schlittenhunde, die – vermutlich etwas gelangweilt und unterfordert – auf den nächsten Winter warten. Die Schlitten, die sie schon in wenigen Monaten wieder über das Eis ziehen werden, neben den hölzernen Hauswänden gestapelt – oder, warum auch immer, auf dem Dach. Am dunklen Strand dann das, auf was wohl jeder, der sich zu einer Arktisreise entschließt, sehnsüchtig wartet: Eis. Gigantische, weiße Berge in bizarren Formen, die auf dem Wasser treiben, langsam in der Sonne schmelzen, die heute geradezu mediterrane Gefühle aufkommen lässt. Der Sommer in Grönland ist nicht kalt, allenfalls der manchmal schneidende Wind. Doch wer die von Polar-Kreuzfahrten vor der Reise zugesandte Ausrüstungsliste ernst genommen hat, der hat auch eine winddichte Jacke dabei.

Diese ist auch nützlich, wenn die MS Ocean Nova am nächsten Morgen in aller Frühe Uummannaq erreicht und nach einer geradezu traumhaften Hafeneinfahrt unter dem spitzen, hohen Felsen fest macht, der die Stadt überragt. Wieder strahlend blauer Himmel, Eisberge im Wasser, ein Rundgang durch die Stadt. Wie Nester kleben hier die bunten Holzhäuser am Felsen, verbunden durch ein wahres Labyrinth von Treppen und Steigen. Die Häuser selbst stehen auf Stelzen – typisch für die Arktis. Wären die Häuser direkt auf dem gefrorenen Boden errichtet, würde dieser mit der Zeit durch die vom Gebäude abgegebene Wärme tauen – und das Haus darin einsinken. Doch die Menschen haben gelernt, mit der Natur zu leben, anstatt sich ihr zu widersetzen. So trotzen sie den mitunter äußerst lebensfeindlichen Bedingungen, denen sie vor allem im arktischen Winter ausgesetzt sind. Und auch kulinarisch bestimmt die Natur, was auf den Teller kommt. Eine Kostprobe davon erwartet uns am Mittag: Frische grönländische Spezialitäten in einem örtlichen Hotel.

Nachmittags ein weiteres Highlight, das Reisende, die mit Polar-Kreuzfahrten auf der kleinen Ocean Nova unterwegs sind, wirklich exclusiv erleben. Wir landen in einer flachen Bucht, setzen mit den Zodiacs über nach Niaqornat – und fühlen uns zeitlich um Jahrzehnte, wenn nicht um Jahrhunderte zurück versetzt. Freundlich empfangen uns die wenigen Einwohner in diesem kleinen, ursprünglichen Dorf fernab jeglicher Infrastruktur – geben uns Einblick in das Leben der Inuit, das sich hier ebenso ursprünglich wie traditionell offenbart. Eine Zeitreise – von der allerdings zum Abendessen so mancher gern in die bequeme Gegenwart auf der Ocean Nova zurückkehrt.

Die MS Ocean Nova ist neu im Programm von Polar-Kreuzfahrten – und exklusiv. Als Generalvertretung für den dänischen Veranstalter Albatros Travel vermittelt Polar-Kreuzfahrten ein Reiseerlebnis der besonderen Art, ganz nach dem Motto: Klasse statt Masse. Maximal 86 Passagiere finden auf dem 73 Meter langen Schiff Platz. Nacht für Nacht wird es zum schwimmenden Hotel, steuert mit seinen 2000 PS und einer Geschwindigkeit von bis zu 12 Knoten pro Stunde ein neues Ziel an. Erholt geht es nach einem reichhaltigen Frühstück in den Tag. Auf dem Programm stehen Exkursionen zu den bekanntesten Highlights Westgrönland ebenso wie zu versteckten Sehenswürdigkeiten, die noch ein echter Geheimtipp sind. Die MS Ocean Nova ist klein genug, um Ziele anzusteuern, die größeren Schiffen versagt bleiben. Und wenn es dort keine Hafenmole gibt, werden die Zodiacs zu Wasser gelassen – flache, schnelle Schlauchboote, die nahezu überall anlanden können. Das vermittelt einen Hauch von Expedition und Abenteuer, doch wer mit Polar-Kreuzfahrten unterwegs ist, riskiert nicht Leib und Leben. Eine erfahrene Crew sorgt dafür, dass auch spektakuläre Erlebnisse ohne Risiko möglich sind.

Und so richtig spektakulär wird es am nächsten Morgen: Ein kaltes Erwachen. Eis, so weit das Auge reicht. Die MS Ocean Nova ankert vor dem Equip Sermia-Gletscher. Wiederholt erleben wir, wie der Gletscher »kalbt«: Mit lautem Poltern stürzen gewaltige Eismassen von der Gletscherfront ins Wasser, produzieren dabei Wellen, welche die MS Ocean Nova ordentlich ins Schwanken bringen. Seekrank wird dennoch keiner, denn nach wenigen Minuten ist die Schaukelei vorbei – die auch nicht so heftig ist, dass Fisch oder Fleisch vom Grillrost fliegen. Heute gibt es ein Mittagsbarbecue an Deck – der Küchenchef und die gesamte Crew legen sich enorm ins Zeug, um die Polar-Reisenden mitten in der Gletscheridylle kulinarisch zu verwöhnen.

Nachmittags geht es weiter – und während immer wieder Wale nahe der MS Ocean Nova auftauchen, macht das Schiff ordentlich Strecke. Am Abend erreicht es Ilulissat. Das heißt auf Deutsch »Eisberg« – und zwar nicht umsonst. Gigantische weiße Kolosse treiben im Wasser, bizarr in ihren Formen, die mit etwas Fantasie an Fabelwesen oder Tiere erinnern. Das Schiff bleibt über Nacht im Hafen – für die Passagiere ergibt sich die Chance, sich ins grönländische Nachtleben zu stürzen.

Der nächste Tag bietet den wohl absoluten Höhepunkt dieser Polarkreuzfahrt: Die Entdeckung des Ice-Fjords. Zweiunddreißig Kilometer landeinwärts liegt der aktivste Gletscher der nördlichen Halbkugel – und schiebt ein wahres Gebirge von Eisbergen durch den engen Fjord in Richtung Meer. Ein Teil der Passagiere fliegt mit Hubschraubern zur Gletscherfront, wir steigen mit anderen um auf ein kleines Schiff, fahren zwischen den Eisbergen hindurch ein kleines Stück weit in den Fjord hinein – und kehren, wieder einmal von blauem Himmel und Sonne verwöhnt, begeistert zurück. Wohl keiner, der danach noch Platz auf der Speicherkarte seiner Fotokamera hat …

Die letzte Etappe dieser Arktisreise führt wieder nach Süden. Noch einmal landen wir mit den Zodiacs an, besuchen ein kleines Dorf, dessen bunte Holzhäuser malerisch am Hang eines Hügels kleben. Kurz darauf verlassen wir die Disco-Bucht. Noch einmal sichten wir Wale, bis wir am Abend in den langen Fjord einbiegen, auf welchem wir bis zum frühen Morgen in Richtung Kangerlussuaq unterwegs sind. Ein letztes Frühstück auf dem Schiff, danach mit den Schlauchbooten in den kleinen Hafen. Dort warten bereits Busse, die uns durch eine karge, fremdartig anmutenden Landschaft dorthin bringen, wo Grönland am typischsten ist: Zum Inlandeis. Denn während wir während der vergangenen Tage an Land »eisfrei« unterwegs gewesen sind, ist doch der größte Teil der arktischen Insel Grönland das ganze Jahr über von einem kilometerdicken Eispanzer bedeckt. Eisfrei ist allein im Sommer ein schmaler Streifen entlang der Küste – und nur hier gibt es Städte und Dörfer, nur hier leben Menschen, nur hier können Menschen den harten, arktischen Lebensbedingungen trotzen und überleben. Ganz sicher ist, dass wir in der ebenso mildesten wie schönsten Zeit des Jahres hier waren. Uns hat die ausklingende Mitternachtssonne stundenlange Sonnenauf- und -untergänge präsentiert – Wellen, Wasser und Wolken in ein bizarres, leuchtend orangefarbenes Licht getaucht. Kaum vorstellbar, dass es hier schon in wenigen Wochen für Monate stockdunkel und eisig kalt sein wird.

Dann geht diese Polar-Kreuzfahrt zu Ende – viel zu schnell! Gute vier Stunden dauert der Flug von Kangerlussuaq nach Kopenhagen, dessen quirlige Lebendigkeit einen scharfen Kontrast zu der mitunter idyllischen, in eine beeindruckende und gewaltige Natur hinein gebaute Beschaulichkeit bildet, die wir in den letzten neun Tagen erlebt haben. Doch wir nehmen sie mit, diese unvergesslichen Eindrücke, die sich wohl kaum einer, der nicht dabei gewesen ist, in ihrer ganzen Dimension und Intensität vorstellen kann. Und mancher, der mit dabei war, plant schon seine nächste Schiffsreise mit Polar-Kreuzfahrten – vielleicht ja in den Norden Grönlands, nach Thule …

Kai Schubert (August 2009)

Ab Juli 2016 hat Polar-Kreuzfahrten exklusiv das kleine Expeditionsschiff MS Cape Race in Grönland im Einsatz. Zu den Grönland Reisen mit MS Cape Race