Expeditionsleiter Rolf Stange berichtet

Arktis einmal anders: Auf Skiern zum höchsten Berg Spitzbergens

Ganz gleich, welcher Teil der Arktis oder Antarktis es Ihnen am meisten angetan hat – POLAR-KREUZFAHRTEN bringt Sie hin. Um irgendeine attraktive Stelle unter dem Polarstern oder rund um den Südpol zu finden, wohin Sie mit uns nicht reisen können, müssen Sie schon länger die Landkarten studieren.

Dennoch gibt es sie, diese nahezu unerreichbaren Flecken. Fernab schiffbarer Gewässer gelegen, sind sie schwer zugänglich – es sei denn, man greift etwa zu traditionellen Methoden des Reisens in der Arktis, die allerdings heute beinahe schon wieder unkonventionell erscheinen mögen, in jedem Falle aber als strapazierend.

Zwei unserer Fahrtleiter und Lektoren, Matthias Kopp und Rolf Stange, haben im vergangenen Frühjahr einen alten Traum wahrgemacht und den Newtontoppen erreicht, den höchsten Berg Spitzbergens – wer von Ihnen vielleicht vor einem halben Jahr mit POLAR-KREUZFAHRTEN die Antarktis-Reise mit der Professor Molchanov gemacht hat, ist beiden begegnet: Rolf Stange als Expeditionsleiter und Matthias Kopp als Biologe auf der Forschungsstation Bellingshausen auf King George Island.

Der Newtontoppen

Mit nur 1713 Metern Höhe würde man ihn in den Alpen mit Missachtung strafen, in Spitzbergen jedoch überragt er sämtliche anderen Gipfel, gleich wie schroff und eindrücklich diese sind. Nur hat die erdgeschichtliche Entwicklung ihn im südlichen Ny Friesland platziert, so fernab aller Küsten, dass man ihn von Schiffen aus überhaupt nicht zu sehen bekommt, geschweige denn ihn im Rahmen einer Expeditionskreuzfahrt erwandern könnte.

Überhaupt sind die Geländeverhältnisse in den vergletscherten Hochregionen Spitzbergens im Sommer so, dass Reisen dort zu dieser Zeit kaum möglich sind. Besser ist der späte Winter, wenn die Sonne auch nachts zumindest schon wieder Dämmerung spendiert, reißende Flüsse zu besten Loipen werden und aus Hindernissen wie Fjorden und Gletschern durch Eis und Schnee ideale Wanderrouten werden.

Zu zweit haben sich Matthias und Rolf mit Ski und Schlitten zum Newtontoppen aufgemacht. Zu Beginn, Anfang April, war in den jeweils fast 70 kg schweren Schlitten alles, was zwei Menschen brauchen, um 4 Wochen lang in der noch winterlichen Arktis zu überleben, angefangen bei Lebensmitteln über warme Schlafsäcke und ein sturmfestes Zelt bis hin zu Steigeisen und dem obligatorischen Gewehr für den Fall überraschenden Eisbärenbesuches.

Nach dem Start in Longyearbyen brachten die ersten Tage noch keine echte Einsamkeit, da die nähere Umgebung des Ortes immer wieder Ziel von Motorschlittenfahrern ist. Wie wohltuend ist dagegen doch der Anblick eines fast lautlosen Hundeschlittens!

Tempelfjord

Einigen von Ihnen ist der schöne Tempelfjord von einer sommerlichen Schiffsreise sicherlich in guter Erinnerung. Im Winter ist der Tempelfjord besser mit Schlitten zu bereisen, gleich ob diese von Menschen, Hunden oder Viertaktern fortbewegt werden. Zu dieser Zeit trifft man dort auch einen anderen, guten Bekannten – das Segelschiff Noorderlicht. Im Sommer seit vielen Jahren als eines der schönsten und kleinsten Schiffe bekannt, mit denen man in Spitzbergen auf Entdeckungsreise gehen kann, macht die Besatzung der Noorderlicht sich gar nicht mehr die Mühe, weiter nach Süden zu fahren als zu den Lofoten für ein paar spätherbstliche Segeltörns, um das Nordlicht und die schroffe Landschaft Nordnorwegens im Winterkleid unter zwei Masten zu erleben. Übrigens feiert die Noorderlicht dieses Jahr ihren 100. Geburtstag! 1910 wurde in Kiel der Kiel gelegt und die folgenden Jahrzehnte verbrachte sie als Feuerschiff (»schwimmender Leuchtturm«) in der Ostsee. Nun liegt sie im Winter im Tempelfjord eingefroren und beobachtet dort jedes Jahr den monatelangen Morgen des Polartages, von Februar bis Mai.

Pyramiden

Der kurze Besuch auf der Noorderlicht war für Matthias und Rolf der letzte Kontakt mit der Zivilisation, und bald darauf passierten sie auch die letzten Motorschlittenfahrer und Skiwanderer. Danach – wochenlange Einsamkeit: Über zwei Wochen lang kein Mensch, noch nicht mal eine alte Spur im Schnee, und auch keine Tiere, von ein paar vereinzelten Vögeln abgesehen, die gelegentlich neugierig über die beiden Skiwanderer hinwegflogen.

Der riesige Nordenskiöldgletscher im Billefjord, im Sommer zusammen mit der russischen Siedlung Pyramiden lohnendes Ziel für eine Tagesfahrt mit dem Boot und somit vielfach von unten gesehen – die höher gelegenen Bereiche verschanzen sich hinter großen Spaltenfeldern und erschienen somit immer als verbotene Zone. Dieses Mal bot sich die umgekehrte Perspektive, als sich aus einer Höhe von bereits 800 Metern der Blick über die Spaltenfelder hinweg nach unten öffnete, wo in der Ferne der zugefrorene Billefjord lag und, im gleißenden Gegenlicht kaum erkennbar, Pyramiden.

Alkenkönige durchbrachen die Stille

Die folgenden Tage brachten unglaubliche Ausblicke über weite Gletscherfelder in gut 1000 Metern Höhe, Temperaturen bis um -30°C und ein paar kleinere Blasen an den Füßen, bis der Newtontoppen schließlich erreicht war. Nur gut 700 Meter überragt er das umgebende Hochplateau, und würde die Karte nicht verraten, welcher Berg nun genau der höchste ist, könnte man es auch erst dann sehen, wenn man wirklich davor steht. Dennoch ist dort alles vergletschert, und nur ein paar steile Felspartien sind selbst dem ewigen Eis zu unwirtlich. Nicht schlecht war die Überraschung, als sich zeigt, dass bereits um Mitte April und in Entfernungen von über 40 km zur Küste Seevögel wie Krabbentaucher an diesen einsamen Felspartien ihre Brutplätze finden! Nach den Tagen auf dem völlig leblosen Gletscherplateau war das ferne Gekreische der »Alkenkönige«, wie die Norweger die kleinen Krabbentaucher nennen, eine willkommene Abwechslung.

Der Aufstieg auf den Newtontoppen entpuppte sich als einfache Wanderroute, wenn auch einigermaßen langwierig und, dank Temperaturen unter -30°C und beißendem Wind, ausgeprägt kalt. In den 1920er Jahren hatten englische Forscher den Gipfel sogar schon einmal mit Hundeschlitten erklommen, um ihren Zugtieren die Aussicht zu gönnen! Kein Zweifel, dass die Hunde vom Anblick der wilden, schroffen Berggipfel im Westen, das sich im Osten zu einer unendlich weit erscheinenden, fast vollständig vergletscherten Ebene öffnet, mindestens ebenso begeistert waren wie wir.

Klimawandel am Negribreen

Von Rückweg konnte noch keine Rede sein, denn uns lockte noch die wilde Ostküste Spitzbergens, der gefrorene Storfjord mit seinen von riesigen Gletschern gesäumten Ufern. Einige Tage zogen wir durch die Gletscherebene des Olav V Landes Richtung Südosten, zum Negribreen im nördlichen Storfjord, wobei ein Schneesturm uns zwei Tage lang im Zelt festhielt. Wie wir später erfuhren, blies derselbe Sturm anderswo in Spitzbergen den Bohrturm und die Wohnbaracke eines Geologencamps von einem Gletscher herab!

Am Negribreen angekommen, mussten wir wieder einmal feststellen, dass der Klimawandel sich durch schrumpfende Gletscher bemerkbar macht: Seit den 1970er Jahren hat dieser gewaltige Gletscher sich auf einer Breite von über 20 km um ebendiesen Betrag zurückgezogen – grob überschlagen hat der Negribreen also eine Fläche von über 200 Quadratkilometern verloren! Was allerdings nur im Vergleich mit älteren Karten und Fotos sichtbar wird, denn die weite, blauschimmernde Abbruchkante ist genauso eindrücklich wie eh und je, sie liegt nur an anderer Stelle. Dort, wo normalerweise im Juli wieder die Wellen an das Gletschereis schlagen, bot Ende April der gefrorene Storfjord Eisbären und anderen – seltenen – Passanten einfache Wege, während in der Entfernung Barents- und Edgeøya schimmerten, die großen Inseln im abgelegenen Südosten Spitzbergens mit ihren weiten Tundren.

Zum Abschied ein weiterer zweitägiger Schneesturm

Auch der letzte Abschnitt erwies sich mit weichem Schnee, kräftigen Steigungen und einem weiteren zweitägigen Schneesturm als Herausforderung, bis wir nach fast 4 Wochen wieder in Longyearbyen eintrafen und uns nach 320 Kilometern und 4000 Höhenmetern wohlverdient erst einer ausgiebigen Dusche und dann ebenso ausgiebigen kulinarischen Genüssen hingaben.

Wenn Sie Rolf Stange oder Matthias Kopp auf einer Reise mit Polarkreuzfahrten begegnen, werden sich vielleicht Gelegenheiten für spannende Erzählungen und Bilder aus dem arktischen Winter ergeben. Rolf Stange wird voraussichtlich für POLAR-KREUZFAHRTEN die Reise »Bäreninsel & Spitzbergen unter Segeln« mit dem Segelschiff Antigua (21.06.2011 – 05.07.2011) als Expeditionsleiter begleiten.

Expeditionsleiter Rolf Stange