Polar-Blog | Meldung aus der Kategorie: Reiseberichte

Inukshuk in der Nordwestpassage
© Cameron Strathdee / iStock
Publiziert: Freitag, den 09. September 2016

Besuch beim Inukshuk

Tag 06 – 02. September 2016: Baffin Island von seiner schönsten Seite

Nach dem Frühstück erreichen wir Low Point auf Baffin Island. In der Passage zwischen Baffin Island und Bylot Island herrschen Top-Bedingungen für unseren Landgang. Dicht bei unserem Ziel befindet sich ein Einwanderer aus Grönland: Ein gigantischer Eisberg ist hier auf Grund gelaufen. Aber ihm werden wir uns später widmen. Erstmal geht es an Land und wir teilen uns in 3 Gruppen. Die gemütlichen Spazierer, die Naturentdecker und die sportlichen Hiker. Die beiden letzteren haben als Ziel einen Inukshuk auf ihrer Route.

Ein Inukshuk ist ein für die Kanadische Arktis typisches Steinmännchen. Je nach Form hat ein Inukshuk unterschiedliche Bedeutung. Einige dienen als Landmarken für die Orientierung. Einige als Wegweiser. Wieder andere weisen auf gute Jagdgründe oder fischreiche Gewässer hin und wenn man eine ganze Gruppe von Inukshuk findet, wurden diese vermutlich errichtet, um den Inuit bei der Karibu-Jagd zu helfen, in dem sie die Tiere in eine bestimmte Richtung leiteten.

Während die Naturentdecker hier den Rückweg antreten, geht es für die sportlichen Hiker noch eine ganze Ecke weiter. Hinunter vom Inukshuk-Hügel durch ein Tal bis zu einem kleinen See. Vorbei an Schneegänsen, einen weiteren Hügel hinauf und durch ein weiteres Tal in gemütlichem Gefälle zurück zum Strand. Die ausgiebige Bewegung tut definitiv gut nach einer knappen Woche an Bord.

Ein Fremder aus Grönland?

Aber es steht ja noch ein weiterer Programmpunkt an. Wie angekündigt bringen uns die Zodiacs nicht auf direktem Weg zurück zur Ioffe, sondern wir machen noch einen Abstecher zu besagtem Einwanderer aus Grönland. In sicherem Abstand umrunden wir den Giganten, der sich vor einigen Jahren in Grönland auf den Weg gemacht hat, um heute, strotzend vor Mustern, Reliefs, Formen, Ecken, Kanten und Blautönen – zeitweilig angestrahlt von der Sonne vor dunkelgrauem Himmel – vor uns zu liegen.

Während wir um zwei ein spätes Mittagessen geniessen, macht sich die Ioffe auf den Weg Richtung Pont Inlet, unserem morgigen Tagesziel. An beiden Seiten des Schiffs erleben wir ein unglaubliches Panorama. Die Bergspitzen von Baffin- und Bylot-Island sind vom ersten Schnee des kommenden Winters überzuckert, die Tundra in Tälern und entlang des Küstenstreifens leuchtet in den schönsten Herbstfarben.

Einblicke in die Kultur der Inuit

Eine kurze Pause nach diesem tollen Vormittag wird uns gegönnt und dann steht ein Vortrag von Atuat auf dem Programm. Atuat ist einer von 2 Inuit-Guides, die unsere Expedition begleiten. Außerdem ist Atuat wahrscheinlich einer der fröhlichsten Menschen, die ich seit langem getroffen habe. Sein Lachen ist schon aus der Entfernung ansteckend und wenn man ihm dabei noch in sein strahlendes Gesicht mit den tiefen Grübchen blickt, gibt es einfach kein Halten mehr.

Atuat berichtet von seinem Leben im hohen Norden. Er beginnt mit einer Schneemobil Expedition, die er im vergangenen Winter gemeinsam mit einem Freund unternommen hat. Wie sie vor Jahren angefangen haben, die Reise zu planen. Wie sie sich die Schlitten gebaut haben, mit denen sie die benötigten Vorräte transportieren konnten. Wie sie sich gegenseitig die eigenen Ängste nicht eingestehen konnten. Wie er jedoch von einem Onkel beruhigt wurde, der nur fragte: Hast Du eine Harpune dabei und ein Werkzeug, mit dem Du Dir aus Schnee und Eis eine Schutzhütte bauen kannst? Ja? Also – warum machst Du Dir Sorgen?

Er berichtet auch davon, wie er für diese Expedition seinen ersten und einzigen Eisbären jagte. Er erklärt, warum er aus verschiedenen Spuren diesen einen, bestimmten Bären ausgesucht hat, dessen Haut groß genug war, damit seine Mutter ihm daraus seine erste und einzige Eisbärenfell-Hose nähen konnte. Und der gesund genug war, dass die Mitglieder der Gemeinde das Fleisch nutzen konnten. Denn er selbst bekam nichts davon ab. Egal um welche Tierart es sich handelt – das Erste muss verschenkt werden. An Familienangehörige, an die Ältesten.

Er erzählt von der Karibujagd. Wie viele Tiere er benötigt, um auch seine Großmutter, Eltern, Onkel und Tanten mit zu versorgen. Erzählt, welchen Ärger er von seiner Mutter bekommt, wenn er nicht auch die Innereien der Tiere mit nach Hause bringt. Denn die Inuit verwenden alles, nichts wird verschwendet. Und sie jagen nur das, was sie zum Leben benötigen. Und wenn ich mich hier in der Landschaft umsehe, und das Preisschild unter einem Glas Pfeffer sehe, laut dem es 20 CAD kosten soll – also ca. 15,- EUR – bleibt mir als Europäerin zwar ein – ich sage jetzt mal „erlernter“ Skrupel, aber irgendwie komme ich doch auch ins Grübeln.

Stephani Drücker

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