Polar-Blog | Meldung aus der Kategorie: Große Antarktis-Kreuzfahrt: 18.10. - 12.11.2013

Publiziert: Dienstag, den 05. November 2013

Mittwoch, 30.10.2013: Das Wetter ist fast zu gut, um wahr zu sein

Wanderung nach Grytviken mit kurzem Ärmeln

Über Nacht sind wir in die Bucht von Godthul gefahren. Beim Blick aus dem Kabinenfenster nach dem Weckruf um 06:30 Uhr trauen wir unseren Augen kaum. Das Meer ist spiegelglatt, wunderschöne Landschaft spiegelt sich darin und alles unter einem strahlend blauen Himmel.

Am Strand einige Überreste aus Walfängertagen. Alte Fässer rosten vor sich hin und zwei hölzerne Walfänger-Boote liegen am Strand und verrotten. Die Vegetation gibt ihr Bestes, um sie in die Landschaft zu integrieren. Drei Stunden haben wir Zeit, durch das weitläufige Tal zu streifen.

Nach einem kurzen Aufstieg durch Tussock-Gras erreichen wir das höher gelegene Plateau. Eine Rentierherde läuft aufgeregt von hier nach da, von links nach rechts und wieder zurück. Sie scheinen wenig begeistert über unsere Anwesenheit. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir wohl mit zu den letzten Besuchern Südgeorgiens gehören, die noch grasende Rentiere zu sehen bekommen. Wie schon gesagt, ist eine Ausrottung der Ratten auf der Insel ohne zeitgleiche Ausrottung der Rentiere nicht möglich.

Einige nutzen die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang über die Ebene, freuen sich an den glitzernden Schmelzwasserbächen, die immer wieder die Landschaft durchziehen und am noch zugefrorenen Teich am Fuße der Berge.

Andere machen sich auf den Weg zu den zwei Brutkolonien der Eselspinguine. Es ist kaum möglich, sich an diesen Tieren satt zu sehen. Immer wieder machen sich einzelne Tiere auf den Weg, um Nistmaterial zu suchen. Waren es auf Carcass Island noch zu einem großen Teil Steine, die hoch im Kurs standen, sind hier Büschel aus verrottetem Tussock-Gras vom letzten Jahr oder auch dessen Wurzeln sehr beliebt. Mit großer Anstrengung rupfen und zupfen sie daran herum, um dann, wenn sie geeignetes Material gefunden haben, stolz damit zurück zu stapfen. Auf dem Weg geraten sie dabei häufig in kleinere Streitigkeiten mit den Nachbarn. Da werden mit den Flügeln Klapse verteilt oder auch mal mit dem Schnabel nach einander gehackt.

Schon um 11:00 Uhr geht es zurück an Bord und auch das Mittagessen wurde etwas nach vorne verlegt, denn wir wollen heute noch wandern gehen. Vorgesehen ist eine ca. 3.5 km lange Strecke, die von Maiviken nach Grytviken führt. Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen, die vermutlich niemand bei einer Expeditionskreuzfahrt in die Antarktis erwartet hätte, wandern ca. 40 von uns los. Es ist tatsächlich so warm, dass Therese sogar kurzärmlig unterwegs ist. Wir Anderen, nicht ganz so Abgehärteten, ziehen aber in jedem Fall die obersten Schichten unserer nach dem Zwiebelprinzip zusammengestellten Kleidung aus.

Wir wandern durch beinahe hochalpine Landschaft und genießen immer wieder die grandiosen Aussichten, die sich uns bieten. Es geht vorbei an einem noch zu gefrorenem See und besonders beim Abstieg hinunter nach Grytviken über enorme Schneefelder. Aber wie Elke es uns schon bei der Ankündigung der Wanderung versprochen hatte: Die Schweden waren überwiegend viel schneller unterwegs als wir und hatten so eine gut begehbare Spur im Schnee für uns gelegt. Diejenigen, die nicht an der Wanderung teilnehmen wollten oder konnten, fuhren gemütlich mit dem Schiff bis nach Grytviken und hatten etwas mehr Zeit in der alten Walfängerstadt.

Enorme Anlagen, in denen bis in die 1960er Jahre industriell Wale verarbeitet wurden, stehen nun ungenutzt herum – rostige Mahnmale einer Zeit, in der Wale fast bis zu ihrer Ausrottung gejagt wurden. Zu besichtigen ist noch die alte Walfänger-Kirche und ein kleines Museum.

Neben Ausstellungsstücken zur Walfängerzeit bekommt aber natürlich auch Sir Ernest Shackleton eine angemessene Ausstellungsfläche. Der große Polarforscher, der mit Scott um den Ruhm, als erster Mensch den Südpol zu erreichen, gewetteifert hat, liegt hier begraben. Das Wettrennen hat er zwar verloren – er wurde aber berühmt als derjenige Polarforscher, der zum Wohl seiner Mannschaft auf Ruhm und Ehre verzichtete. Ganz besonders seine unvergleichliche Rettungsaktion, bei der er in einer „Nussschale“ von Elephant Island in der Antarktis nach Südgeorgien segelte, anschließend die Insel zu Fuß überquerte, um in einer Walfangstation Hilfe zu holen, ist der Stoff, die einen zu einer Legende machen.

Am Abend, zur BBQ-Party an Deck, haben wir Besuch bekommen: Martin hat einige MitarbeiterInnen der Forschungsstation auf King Edward Point zu uns an Bord eingeladen. Die Forscher stehen uns zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung und Sara, Hauptverantwortliche für das Ratten-Ausrottungsprojekt des South Georgia Heritage Trust, berichtet über die bereits erfolgreich durchgeführte erste Phase des Projektes, in dem die nördlichen Küstenbereiche von den Ratten befreit wurde und erläutert die Pläne für die zweite Phase, in der es nun noch um die südlichen Bereiche geht. Einige von uns haben das Projekt mit der Finanzierung eines „Ratten freien Hektars“ direkt hier vor Ort unterstützt. Andere werden zu Hause diese Unterstützung nachholen, da diese unvorhergesehene Ausgabe nicht in der Reisekasse eingeplant war. Informationen zum Projekt und zu Unterstützungsmöglichkeiten gibt es unter: www.sght.org

Text: Stephani Drücker

Akteure in diesem Beitrag:
Stephani Drücker, unsere Kollegin
Therese Horntrich, Guide aus der Schweiz
Elke Lindner, Guide aus Deutschland
Martin Enckell, der schwedische Expeditionsleiter

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